1918, 1938, 1948, 1968: Tschechische Schicksalsjahre

Niederschlagung des Prager Frühlings, 1968 / CTK

Tschechien und die Achter-Jahre

1918, 1938, 1948, 1968 – Die Achter-Jahre des 20. Jahrhunderts waren in Tschechien auffällig oft besonders geschichtsträchtig.

Auch schon weit vor dem 20. Jahrhundert markierte ein Achter-Jahr einen bedeutenden Wendepunkt in der Geschichte des Landes, ja ganz Europas: Mit dem Prager Fenstersturz begann am 23. Mai 1618 der Dreißigjährige Krieg.

 

1918: Die Unabhängigkeit von Österreich-Ungarn und die Staatsgründung der Tschechoslowakei


300 Jahre später: Wieder hatte ein großer Krieg den europäischen Kontinent und so auch Böhmen, Mähren, Schlesien – zusammen das heutige Tschechien – und die Slowakei erschüttert. Mit Unterstützung der Siegermächte des Ersten Weltkriegs erklärten diese Länder als Tschechoslowakische Republik im Oktober 1918 ihre Unabhängigkeit von der zusammenbrechenden österreichisch-ungarischen Doppelmonarchie, ein selbstständiger freiheitlich-demokratischer Rechtsstaat wurde gegründet.

 

1938: Das Münchner Abkommen und die Besetzung des Sudetenlandes


Die "Erste Republik" währte jedoch nur zwanzig Jahre: Im deutschen Nachbarland waren die Nationalsozialisten an die Macht gekommen. Die Tschechoslowakei, besonders das Sudetenland, wurde bald eines der Ziele Hitlers aggressiver Expansionspolitik im Osten, der junge Staat sollte zerstört werden. Um die Eskalation der Sudetenkrise zu einem militärischen Konflikt zu vermeiden, erlaubten England und Frankreich Hitler im Zuge ihrer Appeasement-Politik durch das Münchner Abkommen im September 1938 die Annexion der sudetendeutschen Gebiete. Nachdem das Deutsche Reich das Sudetenland besetzt hatte, marschierte die Wehrmacht im Frühjahr 1939 entgegen dem Münchner Abkommen auch im restlichen Staatsgebiert ein, um die "Rest-Tschechei" zu "zerschlagen". Die Tschechoslowakische Republik verschwand von der Landkarte Europas, die Appeasement-Politik war gescheitert.

 

1948: Die kommunistische Machtergreifung


Nach dem Zweiten Weltkrieg wurde die Tschechoslowakei weitgehend in den Grenzen der Ersten Republik wiedererrichtet. Die Enttäuschung über die Westmächte aufgrund des Münchner Abkommens einerseits und die umjubelte Befreiung durch die Rote Armee andererseits sorgten für eine zunehmende Hinwendung der Tschechoslowaken zur Sowjetunion und zum Kommunismus. Die Kommunistische Partei der Tschechoslowakei (KSČ) wurde 1946 zur stärksten Partei gewählt und unterdrückte die Nicht-Kommunisten im Land mehr und mehr. Die demokratischen Parteien protestierten daraufhin heftig; um Neuwahlen zu erzwingen, traten alle nicht-kommunistischen Minister im Februar 1948 von ihren Ämtern zurück, die Regierung stürzte in eine Krise. Statt Neuwahlen abzuhalten, vereidigte Staatspräsident Beneš ein neues Kabinett aus kommunistischen und pro-sowjetischen Politikern. Der sog. "Februarumsturz" markierte den Beginn der kommunistischen Herrschaft in der Tschechoslowakei, die sich als Mitglied des Warschauer Paktes fortan der stalinistischen Politik der Sowjetunion unterwarf.

 

1968: Die Niederschlagung des "Prager Frühlings" 


Unter Alexander Dubček, der im Januar 1968 zum Parteichef der KSČ gewählt wurde, begann die Kommunistische Partei ein Liberalisierungs- und Demokratisierungsprogramm, den Versuch einen "Sozialismus mit menschlichem Antlitz" zu schaffen, u.a. mit Wirtschaftsreformen, mit der Abschaffung der Pressezensur und einer rechtlichen Stärkung von Pluralismus, Versammlungs- und Meinungsfreiheit. Dubčeks Aktionsprogramm fand breite Unterstützung in der Öffentlichkeit, v.a. unter Studenten und Intellektuellen. Als "Prager Frühling" ging diese Zeit des Aufbruchs und des Optimismus in die Geschichte der Tschechoslowakei ein.

Es sollte ein kurzes Intermezzo bleiben: Die Reformen gingen der sowjetischen Blockmacht zu weit, KPdSU-Generalsekretär Breschnew schickte in der Nacht zum 21. August 1968 eine halbe Million Soldaten des Warschauer Pakts in die Tschechoslowakei, Panzer rollten durch Prag. Innerhalb von 48 Stunden wurden die alten Verhältnisse mit Waffengewalt wiederhergestellt, die Proteste und der "Prager Frühling" blutig niedergeschlagen.

Mit dieser brutalen Machtdemonstration der Sowjetunion sind der Versuch der Demokratisierung in der CSSR und die Hoffnungen der Tschechoslowaken jäh beendet worden. Der Spalt im Eisernen Vorhang sollte für weitere zwei Jahrzehnte geschlossen bleiben.

 

1918, 1938, 1948, 1968 – Vier Achter-Jahre, vier Zäsuren in der Geschichte Tschechiens und in den Biografien seiner Bürger.


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